Shorts for the weekend
Blogbeitrag vom 23.07.2026
4. August 2026


Die Empörung war so umfassend wie erwartbar: In der vergangenen Woche diskutierte die Schweizer Presse das interne Memo eines Topmanagers der Swiss Re, der seine Mitarbeitenden an eine Selbstverständlichkeit erinnert hatte: «Shorts sind fürs Wochenende» – eine Anregung, mit Augenzwinkern formuliert, mehr war es nicht – die Kommentare jedoch klangen, als sei dieser kleine Hinweis ein Angriff auf die persönliche Freiheit.
Doch wann haben wir eigentlich beschlossen, dass eine Kleiderregel automatisch eine Zumutung ist? Und es nicht als Zumutung für Umwelt und Mitmenschen gelten soll, nackte Männerbeine im Büro zur Schau zu stellen?
Noch vor zwei Jahrzehnten war die Sache einfach. Männer erschienen zur Arbeit im Anzug, oft sogar mit Krawatte. Niemand wäre auf die Idee gekommen, im Büro aufzutauchen, als sei der nächste Programmpunkt ein Grillabend am See.
Mit dem Verschwinden der Krawatte begann eine erfreuliche Entwicklung. Die Herrenmode wurde lockerer, moderner und individueller. Stilistische Freiheiten lösten allzu starre Reglementierung ab.
Doch heute begegnet man im Geschäftsleben gelegentlich Männern, die aussehen, als hätten sie auf dem Weg ins Büro spontan beschlossen, noch schnell den Rasen zu mähen: In Shorts und T-Shirts mit zweifelhaften Aufschriften, die nackten Füsse in offenen Sandalen – neue Freiheiten, missverstanden als völlige Beliebigkeit.
Natürlich soll niemand im Hochsommer im dreiteiligen Flanellanzug schwitzen. Eleganz bedeutet nicht Verzicht auf Komfort.
Im Gegenteil: Ein Leinenhemd mit hochgekrempelten Ärmeln, eine leichte Baumwollhose und schöne Mokassins wirken entspannt, modern und gleichzeitig respektvoll gegenüber dem Anlass. Der Träger signalisiert damit: «Ich nehme mich selbst nicht zu wichtig, aber die Situation schon.»
Kleidung ist weit mehr als Stoff: Sie ist eine Form der Kommunikation. Wer gepflegt auftritt, zeigt seine Wertschätzung gegenüber Kunden, Geschäftspartnern und Mitmenschen – und demonstriert zugleich, dass Stil nichts mit Steifheit zu tun hat. Denn es braucht keinen Anzug, um gut angezogen zu sein. Ein Mann kann locker und zeitgemäss auftreten, ohne dabei wie Urlauber auf dem Weg zum Strand zu wirken.
Für den Hochsommer heisst das: Wie man im Winter selbstverständlich in einen guten Mantel, hochwertige Strickwaren oder wetterfeste Schuhe investiert, sollte man sich auch bei Temperaturen über 28 Grad Gedanken über eine angemessene Garderobe machen. Erstaunlicherweise sind viele Männer bereit, mehrere Tausend Franken für die perfekte Skiausrüstung auszugeben, scheuen aber zurück vor dem kleinen Investment in eine sommerliche Hose.
Stil bedeutet nicht, zu leiden – Stil bedeutet, die passende Lösung für die passende Situation zu finden. Und die Bekleidungshersteller haben dafür glücklicherweise schon vor langer Zeit Antworten gefunden.
Wer daran zweifelt, möge einen Blick nach Mailand werfen. Dort steigen die Temperaturen im Sommer regelmässig über 30 Grad – und dennoch sind die Einheimischen entspannt und stilvoll gekleidet. Statt einer kurzen tragen sie eine luftige, lange Hose und das Sakko ungefüttert, weil sie verstanden haben, dass gutes Aussehen meist weniger mit Zwang und Aufwand als mit Haltung zu tun hat.
Seien wir ehrlich: Die Beine der meisten Männer gehören nicht zu den grossen Sehenswürdigkeiten unserer Städte. Das mag nicht politisch korrekt sein. Aber auch die Wahrheit hat manchmal einen Dresscode. Und deshalb gehören die Beine in Shorts und Trekkingsandalen vor der Mailänder Scala eben fast immer jenen Touristen, die vor der Rückkehr auf den Campingplatz noch herumirren auf der Suche nach der nächsten Gelateria.
Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Kunst der Herrenmode: Nicht möglichst wenig Stoff zu tragen, sondern möglichst viel Persönlichkeit.
P.S. – Selbstverständlich haben wir für die Strandferien auch Shorts im Sortiment. Sehr schöne sogar …

